Lernen, auf deutsch gesagt.
Ich habe meine 11jährige Tochter gefragt, ob “Lernen” für sie ein positives Wort ist. Antwort: Nein.
Nachfrage: Auch nicht manchmal, z.B. in deinem Lieblingsfach? Antwort: Nein, nie. Einwand: Aber du bist doch eine Einser-Schülerin, die sogar Latein mag (von mir hat sie das nicht)? Und du liest doch ununterbrochen, wenn du nicht in der Schule bist? (Nämlich über das Mittelalter, über germanische Mythologie, so etwas. Offiziell legt sie Wert darauf, Computer und Internet als “neumodischen Kram” abzulehnen, obwohl sie sich verblüffend geschickt darin bewegt.) Ihre Antwort: Wenn es Spaß macht, ist es nicht “lernen”.
Es ist also gar nicht einfach, die Lerner-Perspektive einzunehmen. Jedenfalls dann, wenn man es nicht selbst tut, sondern über “Lernen” nachdenkt und schreibt. Dann verfällt man im Deutschen sofort in die Sicht der Lehrer, auch sich selbst gegenüber: Wie bringe ich das faule Pack dazu zu lernen? Zuckerbrot oder Peitsche? (Einzige Ausnahme ist die leicht überraschte, immer erst im Nachhinein gebrauchte Wendung “Da habe ich wirklich viel gelernt.”)
Im Englischen ist das interessanter Weise nicht so, sagt Graham Attwell. LINK “Learning” ist da zuerst einmal etwas Selbstbestimmtes, Euphorisches. (> mehr)


1Lisa Rosa
wrote on 18 Februar 2009 at 10:24
“Lernen” heißt im deutschen Sprachgebrauch soviel wie “dem Inneren Schweinehund zeigen wo’s lang geht”.
Ja, das entspricht den Erfahrungen mit institutionellem intentionalen Lehren hierzulande. Dieses Verständnis ist auch ein Kind der Verwechslung von Unterricht und Lernen. Deshalb brauchen wir nicht bloß neue LernFORMEN, sondern auch einen neuen LernBEGRIFF. Er wird etwas zu tun haben müssen mit Entwicklung, mit Sinn und mit Selbstbestimmung. (Alles Aspekte und entsprechende Kompetenzen, die das Web fördert und gleichzeitig erfordert.) Ich glaube zwar, dass man in der Krise einen besonderen Druck hat, selbstgesteuert lernen zu müssen. Aber wer kann und will schon immer in der Krise sein? – Ich glaube stattdessen, dass man sowieso immer lernt. Man kann es gar nicht vermeiden, es sei denn, man ist tot. Es gibt jedoch auch eine Art destruktives Lernen. Das ist das, was man lernt, wenn man in feindseliger Umgebung (z.B. in der Schule) an Sozialisationslernen hervorbringen muss, um zu überleben (z.B den Lehrer bescheißen und die Mitschüler als Konkurrenten austricksen.) Mit Web 2.0 habe ich anderes gelernt: Z.B. mich mit anderen zusammentun, weil sie ähnliches erreichen wollen wie ich, obwohl sie mit anderen Perspektiven auf die Sache gucken als ich. Und wenn ich lehre (Referendare, Lehrer), dann spielen meine eigenen Lernerfahrungen eine große Rolle.