Unser Bildungssystem: Das Undenkbare denken

Montag, 16 März 2009, 13:39
Kategorie : ZULETZT: Vermischtes

Clay Shirky, ein in einschlägigen Kreisen zu Recht berühmter Web-Intellektueller und Professor aus New York, hat jetzt gerade einen Essay über die Zukunft der Zeitungen; geschrieben: “Newspapers and Thinking the Unthinkable”.

Er vergleicht die Zeit um 2009 mit der Zeit um 1499: Das digitale Text-Universum des Web verdrängt jetzt gerade die Buchdruckkultur, wie damals nach Gutenberg der Buch- und Flugblattdruck die Mönche und Klöster verdrängte.

Shirky sagt, schlagwortartig zusammengefasst: Die Zeit der Zeitungen, wie wir sie kennen, ist vorbei. Aus zwei Gründen:

(1) Ihr Geschäftsmodell funktioniert nicht mehr. Früher wurden die Leitartikel und das Feuilleton und das Büro in Bagdad finanziert durch Kleinanzeigen und Werbe-Doppelseite für das neueste Automodell.

(2) Sie sind überflüssig geworden, weil die textförmige Information, die sie früher exklusiv vermittelten, jetzt überall im Web zugänglich ist. Es ist wahr, dass hier wertvolle Strukturen der Kritik und Meinungsbildung und vielleicht sogar ein ganzer Pfeiler der demokratischen Gesellschaft wegbricht, aber so ist es eben. Wenn wir die demokratische Gesellschaft retten wollen, müssen wir Experimente vorantreiben, nicht Experimente verhindern.

Was kommt also heraus, wenn man in Clay Shirkys Essay den Begriff “Zeitung” konsequent ersetzt durch “Bildungssystem”? Wenn man wie er das Undenkbare probeweise einmal denkt und hinschreibt? Denn eigentlich muss uns allen ja klar sein: Der digitale Umbruch wird jetzt revolutionäre Folgen für unsere Lern- und Wissensordnung haben. Genauso wie der Buch- und Flugblattdruck das Schul- und Bildungssystem des Mittelalters in wenigen Jahrzehnten vollkommen zerstörte.

Das Web gibt es seit 20 Jahren. Es ist eigentlich recht wahrscheinlich, dass wir in weiteren 20 Jahren unsere Schulen, unsere Universitäten, unsere “berufliche Weiterbildung” nicht mehr wiedererkennen werden. Ob ich das glaube? Nun, ich bin ein grauhaariger Mönch, der staunend zusieht, wie sich alles ändert. Es fällt mir fast genauso schwer, mir den kommenden Umbruch vorzustellen, wie es einem Banker noch 2008 schwer gefallen ist sich vorzustellen, dass das Weltfinanzsystem zusammenbricht.

Im Folgenden habe ich ein paar Passagen aus Shirky’s Essay übersetzt und auf das Bildungssystem bezogen. Nur aus Neugierde, um zu sehen, was herauskommt, wenn man versuchsweise das ausspricht, was undenkbar und offensichtlich zugleich ist:

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3 Comments for “Unser Bildungssystem: Das Undenkbare denken”

  1. 1Martin Hofmann

    Hallo Martin

    Spannend deine fast täglichen Gedanken zum wwweblernen! Ich habe nach mehrmonatiger Abstinenz nun wieder Lust aufs Bloggen bekommen und führe u.a. das neue Blog Nextgeneration Learning (http://www.nextgenerationlearning.ch). Hoffe, dich mal wieder live zu sehen.

    Sonnige Grüsse
    Martin

  2. 2Lisa Rosa

    vielen Dank für den spannenden Literaturtipp! Und vor allem für Deinen Übersetzungsdienst.

  3. 3Manfred

    Was Zeitungen angeht, gebe ich Dir vollkommen Recht! Zeitungen sind tot und merken es nur noch nicht. Das gilt übrigens auch noch aus anderen Gründen. Überregional erscheinende Zeitungen brechen mit dem WWW weg, mit sie jetzt noch in Konkurrenz zu treten versuchen. Lokalzeitungen sind nicht unbedingt (umfassend) im Web vertreten und bieten in der Druckausgabe noch viele Anknüpfungspunkte, etwas zu lesen, das man im Internet niemals gesucht hätte, sind aber so mit der lokalen Wirtschaft verklüngelt, dass sie unter dem Druck ihrer eingeengten Wahrnehmung zusammenbrechen werden.

    Beim Lernen aber erleben wie weniger einscheidende Veränderungen als vielmehr Weiterentwicklungen. Ein Aspekt des Bildungsstreiks war/ist die Etablierung demokratischer Lehr-/Lernformen. Bildungsinstituionen sind lokalisierte Zentren sozialer Bildungsgestaltung, also Bildung in lokalen sozialen Zusammenhängen, und werden – allen Online-Anwendungen zum Trotz – als solche erhalten bleiben. Das wird freilich ergänzt durch Online-Lernformen und die Öffnung der Hochschulen, die auch eine soziale Horizonterweiterung von bisher eLearning-Abstinenten bedeutet!

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