Wann habe ich selbst das letzte Mal “e-Learning” gemacht? (Blog-Carnival#2)

Tuesday, 3 March 2009, 16:02
Kategorie : WEB-LEHREN: Im digitalen Klassenzimmer

Das ist die aktuelle Frage beim zweiten “Blog-Carnival”, bei dem jede/r mitmachen kann und soll (Infos hier). Die Fragen diesmal: Das letzte Erlebnis mit “E-Learning”. Was man darunter versteht. Ob es selbstorganisiert war oder nicht, der Stoff vorgekaut oder nicht. Hast du es allein getan oder mit anderen? Ob es geholfen hat. – Und hier meine Antworten dazu:

Ja, im Web lerne ich natürlich jeden Tag dazu. Aber es ist sehr schwer, diese Lernresultate dann auch selbst zu greifen. Ich bin oft frustriert deshalb. Das geht nur, wenn ich das Lernprojekt-Ergebnis irgendwann selbst blogge, ins Wiki stelle usw.

Ich habe kürzlich mal zufällig ein hübsches Applet gesehen, in dem man die Brown’sche Molekularbewegung sehen konnte. Und gerade erst habe habe ich ein kleines Stück JavaScript in einer echten eLearning-Lektion gelernt (wie man ein TiddlyWiki Plugin baut, hier). Den Link habe ich auf einen Blog-Kommentar hin vom Entwickler bekommen, der spontan die Lehrer-Rolle übernahm (hier). Übrigens gibt es auch ein großartiges TiddlyLearning-Software-Projekt.

Ansonsten lerne ich gerade, was “Meme” sind. Aber das weiß keiner so genau, es ist also eher selbstorganisiertes Studium, so wie früher in der Universität. Klassisches Web 2.0: Bookmarking/Tagging und dann durch das Erstellen eigener Blog- und Wiki-Einträge wie diese Mem-Definition hier. Der MIT-Medien- wissenschaftler Henry Jenkins hat dazu gerade einen Aufsatz in acht Blog-Posts zerlegt und online gestellt. Davon lerne ich sehr viel, obwohl oder weil ich in einigem nicht seiner Meinung bin.

Wenn ich einmal genau weiß, was Web-Meme sind und wie sie funktionieren, kann ich mir schon vorstellen, daraus einen Online-”Kurs” zu machen. Da müsste ich dann überlegen, in welcher Form das am besten geht. Auf jeden Fall mit Eigenstudium, Projektarbeit, auch mit Experimenten. Aber wiederum: Das ist ein Web-Thema, das passt natürlich ins Web. Es wäre etwas anderes, wenn es darum geht, wann und wie man Mandeln operiert. Da wären sicher Fallstudien und Videos am besten. Am schwierigsten sind die echten Wissensarbeiter-Inhalte: was man nicht einfach zeigen kann und was sich nicht selbst bereits in der Anwendung von PC/Web-Software erschöpft.

Ich glaube, dass klassisches CBT-eLearning (vorgefertigte Klicktunnels und MultipleChoice-Tests) reine Zeit- und Geldverschwendung ist. Ich habe in einem Präsenz-Kurs selbst gelernt, wie man so etwas erstellt, als zertifizierter “e-Learning Autor”. So etwas wird immer dann gemacht, wenn man die Lernenden für dumm und/oder undiszipliniert hält. Die Lernenden merken das aber unterschwellig, und meistens hassen sie deshalb das Produkt (bewusst oder nicht). Manche Lerner mögen das, sie suchen Orientierung und bekommen gerne Punkte und Noten, aber die lernen natürlich in Wirklichkeit auch nichts.

Nein, ich habe als Lerner selbst keine Erfahrungen mit “virtuellen Klassenzimmern” wie Moodle gemacht (aber als Lehrender schon). Ich glaube, dass sie eher schlecht und selten funktionieren (Lehrer-Meinung dazu hier), und wenn, dann nur mit Lernern, die selbst noch kaum Web-Erfahrung haben und deshalb bereits diese begrenzte, schlecht designte Funktionalität kurzzeitig toll finden können. Meine 12jährige Tochter hat das in der Schule noch nie gemacht, aber sie würde es hassen, vermute ich.

Was sie gut finden würde: Wenn sie das Referat, das sie gerade zum Thema “Wölfe” mit ihrer Freundin für die Schule bastelt, auf einer eigenen Website veröffentlichen könnte. Wenn man ihr zeigt, wie man Inhalte verlinkt, Copy & Paste usw. Aber bis jetzt lernen sie nur (immerhin) Powerpoint und Word und benutzen (auf eigene Faust und daheim!) Wikipedia und Google.

Ich habe mal einen Projekt Management (PM)-Kurs gemacht. PM würde ich eher ungern mit altem e-Learning in Form von Lektionen lernen, v.a. deshalb, weil der Lernstoff selbst (der nämlich, der geprüft wird fürs Zertifikat) grauenvoll ist, didaktisch wie inhaltlich. Es gibt dazu CDs mit 1000 Multiple Choice-Fragen als Vorbereitung. Ich habe immer noch kein Zertifikat gemacht.

Daraus ist aber die Idee geboren, selbst “PM 2.0″ zu lehren (was das ist, kann man wieder im Web herausfinden, etwa mit diesen Links). Das probiere ich am 14.5. in Wien aus (S.24 in diesem Katalog). Der Kurs IST dann selbst ein Projekt. Mit ständiger Anwendung von Web 2.0-Tools wie Twitter, leichtgewichtigen Planungs-Templates usw. In meinem PM-Kurs gab es ja (gottlob) nicht einmal altes e-Learning, nur ausgedruckte Powerpoint-Folien.

Der Anbieter Primas denkt allerdings gerade (mit meiner Hilfe) darüber nach, wie man (a) die Ressourcen der Kurs-Dozenten online kollaborativ anlegen und bearbeiten kann (von docs ins Wiki, was wieder zur ersten Lerngeschichte führt) und wie man (b) die Erfahrungen der Kursteilnehmer, die ehrlich gesagt interessanter waren als der gelehrte “Stoff”, sozusagen “ernten”, speichern und anreichern könnte, so dass quasi der PM-Kurs selbst immer schlauer wird, mit jedem Mal, wenn er durchgeführt wird. Davon würde die Anbieter-Firma selbst profitieren, und nebenbei würde sich eine Community of Practice aus “Ehemaligen” bilden. (Das entspricht dem, was Teemu Arina hier vorschlägt.)

12 Comments for “Wann habe ich selbst das letzte Mal “e-Learning” gemacht? (Blog-Carnival#2)”

  1. 1Werner Prüher

    Ich stimme Dir zu: CBTs sind ein wirksames Mittel, das Gesehene sehr rasch zu vergessen. Der Einzige, der bei CBTs was lernt, ist derjenige, der diese erstellt hat.

    Moodle verwende ich dann und wann im Klassenzimmer: Moodle kann als klassisches CBT verwendet werden (buuuuhh). Es enthält aber auch Module, die vom Lerner “befüllt” werden können, zB Wikis, Blogs, Diskussionsforen oder Glossare. Wenn der Lerner im Internet, Büchern oder Zeitschriften recherchiert, das Ergebnis in diesen Moodle-Tools festhält, reflektiert und mit anderen austauscht, dann gefällt mir Moodle sehr, sehr gut.

    Warum aber Moodle verwenden, wenn es öffentliche Wikis und Blogs gibt? Meiner Meinung nur wegen dem Urheberrecht. Ansonsten funktionieren viele andere Web2.0-Tools ebensogut als “Lernplattform”. Mir wäre es allerdings lieber, diese “Lernplattformen” völlig wegzulassen und diese Wikis, Blogs usw. als Werkzeuge zu begreifen, die sowohl in der Schule als auch im Beruf und privat einzusetzen sind. Nachteil: Die Grenzen von Freizeit und Beruf verschwimmen. (Oder ist es gar ein Vorteil zugunsten von Kreativität und Motivation??)

    Ich habe mal einen PM-Grundlageen-Lehrgang (40 Stunden) unterstützend mit Wikis durchgeführt. Der Folgelehrgang (mit anderen Teilnehmern) sollte das bestehende Wiki überarbeiten und ergänzen. War keine so gute Idee, die Lernkurve ist für die Neuen im Folgelehrgang einfach zu steil. Das halb gefüllt Wiki ist für den Folgelehrgang mehr oder weniger ein Klick-Tunnel. Im nächsten Lehrgang habe ich deshalb ein neues Wiki angelegt und wieder von Null angefangen. Das hat meiner Ansicht nach viel besser funktioniert. (Meine Teilnehmer waren Berufsschüler im Alter von 17 – 18 Jahren).

    Ah ja: Und danke für den tollen Blog-Beitrag, insbesonders für den Tiddly-Wiki-Link – obwohl begeisterter Tiddly-Wiki-User habe ich diesen Blög nicht gekannt.

  2. 2Ralf Hilgenstock

    Hallo Martin,

    ich stimme mit dir völlig überein, dass standardisierte Lernprozesse in klassisch instruktionalistischer Weise etwa genauso effektiv sind wie das Versenden eines gedruckten Handlungsleitfadens.

    Ich würde jedoch eine Unterscheidung zwischen verschiedenen Situationen machen für die unterschiedliche Lernarrangements geeignet sind:

    - 6.500 Mitarbeiter müssen weltweit Anfang September die neuen Geldwäscherichtlinien kennenlernen, deren Prozesse bis Ende August beraten und implementiert wurden.
    - 1.000 Mitarbeiter mit Personalverantwortung müssen die Grundlagen der Beurteilungsgespräche kennen lernen,die anschließend in eintägigen Gesprächsführungsseminaren vertieft werden.
    - 3.000 Vertriebsmitarbeiter müssen zur neuen Produkteinführung die Features der neuen Produktlinie kennen und davon überzeugt sein, dass diese echt eine Bereicherung darstellen (Motivationsaufbau).
    - 25 Mitarbeiter erlernen während der nächsten 18 Monate Projektmanagement.
    - 3 Mitarbeiter an verschiedenen Orten stellen fest dass sie sich mit den gleichen Themen befassen
    - Martin Lindner lernt als Teil einer persönlichen Problem Lösung wie man ein TiddlyPlugin baut.

    Es gibt auf die Lernprozesse unterschiedliche Sichten:
    Personalabteilung:
    - für gleiche Inhalte bei vielen Menschen ein Grundverständnis, Kenntnisse aufbauen
    - Motivation aufbauen
    - Absichern von Kompetenzen

    Individuum:
    - persönliches Lernbedürfnis erfüllen

    Was mir bei vielen Beiträgen rund ums Web 2.0 Lernen fehlt ist die Entwicklung von Skalierungsstrategien. Die tollste Lernstrategie auf Basis von Blogs und Wikis funktioniert für die ersten 50 Autoren. Danach ist bei einem Thema mindestens 98 % gesagt. Für die nächsten hundert Nutzer wird es ein reines Lesen von vorhandenem, was zudem noch nicht besonders gut strukturiert ist, also viel Zeit braucht um Wesentliches und Unwesentliches zu trennen.

    Eine Diskussion funktioniert in synchronen Medien noch mit einem Dutzend Menschen bei Moderation, in asynchronen Medien sogar mit dreißig oder vierzig. Aber auch dann ist Schluß. Die 100:10:1 Regel besagt, dass auch in den offenen Web 2.0 Medien die Zahl der aktiven Lerner extrem niedrig ist.

    So weit wir von reinen Selbstlernprozessen entfernt sind, so begrenzt sind die klassischen ‘Arbeite-dich-von-A-bis-Z-durch’-Lernprogramme, egal ob sie drei Minuten oder drei Tage Lernzeit erfordern.

  3. 3Ralf Hilgenstock

    Hallo Werner,

    <>

    … weil nicht jeder Lernschritt in die Öffentlichkeit gehört.
    … weil Lernen Schuzräume braucht.
    … weil das Internet ein Gedächtnis hat. Glaub mal bloss nicht, dass man mit Nicknamen anonym sei
    … weil wir Instrumente wie Blogs und Wikis auf die Dauer mit einer Nicknamen-Kultur kaputt machen.

    Würdest du gerne deine Schüler unterrichten wenn sie dir im Unterricht nur mit Nicknamen bekannt wären?

    Für mich haben Lernplattformen mit geschlossenen Räumen genauso Berechtigung wie offene Bereiche.

  4. 4Andrea Back

    Martin, ich habe mich von deinem Post zum WissensWert Carnival Nr. 1 entführen lassen in das Ökosystem und bin einigem verlinkten Microcontent nachgegangen. Hat mich eine ungeplante Stunde “gekostet”, aber die war es mehr als wert! Jemanden wie Teemu entdeckt zu haben, der geschäftsmässig an das Thema Events++ herangeht, wunderbar. Mal sehen wie lange es dauert, bis ich es wage, das konsequent mit dem Learning Cednter Seminar zu machen, das dieses Frühjahr “on-hold” ist, da es ganz anders werden soll.
    Du ziehst uns über den Tellerrand (wenn man das so sagen kann), damit wir darüber hinaus schauen.

  5. 5Ulrich Linné

    Hallo Martin,
    ich stimme dir nicht zu – du schreibst: “Ich glaube, dass klassisches CBT-eLearning (vorgefertigte Klicktunnels und MultipleChoice-Tests) reine Zeit- und Geldverschwendung ist … Manche Lerner mögen das, sie suchen Orientierung und bekommen gerne Punkte und Noten, aber die lernen natürlich in Wirklichkeit auch nichts.”
    Das ist zwar schön formuliert, beruht aber auf mindestens drei Missverständnissen. Es lässt sich zumindest mit meiner Erfahrung nicht in Einklang bringen.
    Missverständnis Nr.1: Wenn man unter einem klassischen CBT eine Blättermaschine mit buchartigen Texten, da und dort einer Grafik und einem Single-Choice-Test versteht, dann hält sich der Kompetenzzuwachs sicherlich in engen Grenzen. Wenn man sich aber ein wenig mehr Mühe gibt, die (eher kurzen Texte) an nachvollziehbaren Praxisfällen aufhängt, wenn man reizvolle interaktive Übungen anbietet, wenn man griffige Grafiken, Animationen, Filme etc. einbaut, dann sieht das ganze schon mal anders aus.
    Missverständnis Nr.2: Ich würde keinen Klicktunnel einsetzen, wenn ich vertieftes Verständnis für die Ideen von – sagen wir Adorno – vermitteln wollte. Wenn es aber um die “Steuerungsmöglichkeiten in einer Behörde durch Einführung der doppelten Buchführung” geht, ist ein guter Klicktunnel absolut eine Option (kürzlich erfahren – funktioniert. Die Leute, zu 70% absolut ohne Vorkenntnisse kannten nicht nur die Fakten, sondern haben die Frage wirklich durchdrungen), besonders, wenn man dann in einem Seminar darüber diskutieren kann, das umso interessanter wird, da man die Basics voraussetzen kann.
    Missverständnis Nr.3: Nicht jeder hat die Voraussetzungen (wenn die da sind, sind sie meist durch eher strukturiertes Lehren/Lernen gelegt), um sich beispielsweise Italienisch in Netz selbst beizubringen (die Frage ist, was machen die anderen?). Dabei hilft es zum einen, wenn einem jemand die Grammatik gut nahebringt, außerdem wenn man Bildungsbürger ist, der das Lernen gelernt hat. Denjenigen, denen beides abgeht, bleiben fast nur Klicktunnels und Seminare. Währenddessen sollte man sich natürlich kopfüber ins Web stürzen …
    Natürlich soll jeder, der Wissen/Kompetenzen/Fähigkeiten vermehren möchte, so viel wie möglich selbst erwerben, je mehr, desto tiefer ist das Verständnis, desto eher kann man damit Probleme lösen … klar.
    Aber Pauschalurteile wie “Ich glaube, dass klassisches CBT-eLearning (vorgefertigte Klicktunnels und MultipleChoice-Tests) reine Zeit- und Geldverschwendung ist” sind etwas salonrevolutionär (wobei sowohl Salon als auch Revolution ihren Reiz haben, keine Frage, aber wir reden hier über Qualifizierung). Das erinnert eher an die Befreiung des Menschen von entfremdetem Tun. Gute Klicktunnels durchdacht kombiniert mit Seminaren, Foren, Wikis – das ist sicher nicht das Ende der Fahnenstange, aber aus Sicht echter Qualifizierung sicher ein deutlicher Schritt weiter. Ich glaube, der Diskussion würde etwas REVISIONISMUS helfen.

  6. 6Edwige

    Hallo zusammen!

    Ich nütze gerne diese Lösung des E-Learnings, und zwar Lingueo.com. Ich habe mich vor 4 Monaten als Tutor von Deutsch, Englisch und Französisch und als Student von Spanisch angemeldet.

    Ich bin damit sehr zufrieden, da ich mit einem Mexikaner sprechen kann, der mir vieles über seine Kultur beibringt.

    Was denken Sie von dieser Lösung?

    LG

    Edwige

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