(Deutsch) Der Lange Marsch zur Digitalen Demokratie: “Websperren gegen Kinderpornographie”:
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Selbstlerner sind arme Schweine. Nichtlernen ist in unserer Gesellschaft ja ein eingefleischter Reflex, wie Alkoholismus. Unser Bildungssystem baut auf Fremdlernen auf: “Hier bekommen Sie gelernt.” Das hat Folgen, die jeder von uns spürt, und eben nicht nur die armen PISA-Verlierer.
Gedankenspiel: Was wäre, wenn wir uns in Online-Selbsthilfe-Communities organisieren würden? Wenn wir uns als Anonyme Nichtlerner begreifen, wie die Anonymen Alkoholiker, deren Graswurzel-Regelwerk (12 Traditionen) übrigens hochsympathisch ist? (Und hier sind AA-Comics von 1970.) Wenn man das Pathos einfach selbstironisch übernimmt? Dann käme in etwa Folgendes heraus:
Präambel:
Wir wollen Vieles lernen, und lernen am Ende doch weniger als wir hoffen und wollen.
Wir investieren viel Zeit und Geld in formale Bildung und Weiterbildung und sind am Ende doch immer enttäuscht, wie wenig uns das nützt.
Wir finden Vieles faszinierend, aber allein kommen wir schlecht weiter. Ständig verlieren wir den Faden.
Als Nicht-LernerInnen sind wir isoliert und verwirrt. Wir sind in der Gruppe, weil wir uns gegenseitig helfen wollen, die eigene Isolation und Verwirrung zu überwinden.
Wir wollen lernen, aber nach unseren eigenen Bedingungen, nach unseren eigenen Bedürfnissen.
Dafür stehen die 10 Traditionen der Anonymen Nichtlerner:
1. Die Gruppe besteht aus Kommunikationen. Die Gruppe ist ein Lebewesen. Ein lernendes Netzwerk. Wenn die Gruppe am besten lernt, lernt auch jede/r einzelne am besten.
2. Sei enthusiastisch. Sei freundlich. Sprich und schreib immer mit deiner eigenen Stimme: entspannt, direkt.
3. In der Online-Gruppe verwenden wir grundsätzlich Nicknames,ob wir uns ‘draußen’ kennen oder nicht. Sie geben uns die Freiheit, dumm dazustehen.
4. Frag dich bei jeder Gruppenkommunikation: Was ist der einfachste nächste Schritt, der jetzt gerade gehen könnte (gedanklich oder als Arbeitsschritt)? Wie bringe ich unser Lernprojekt hier nach vorn mit dem, was ich jetzt sage/schreibe/tue?
5. Ideen darf man immer einfach hinschreiben. Trau dich, offen und abseits der üblichen Pfade zu denken. Sei spontan, hab keine Angst vor Irrtum. Keine Rechtfertigung dafür nötig.
6. Wir sind jetzt ein Team mit einem gemeinsamen Projekt, das täglich in einem gemeinsamen (Web-)Arbeitsraum arbeitet – immer solidarisch nebeneinander, so oft es geht miteinander.
7. Versuche, an 5 von 7 Wochentagen Lebenszeichen zu twittern, die sich auf das gemeinsame Lernprojekt beziehen: Jammer- und Freudenlaute, flüchtige Gedanken, Links, Ermutigungen, freundliche Kritik … was immer.
8. Bezieh dich auf die anderen. Verwende Links zu Gruppen-Statements und Gruppen-Inhalten, so oft es irgendwie geht.
9. Das Netzwerk ist der Mehrwert. Niemand ist der Boss. Wir übernehmen reihum und abwechslend die Gruppenfunktionen.
10. Das Ziel der Gruppe ist es, am Ende ein gemeinsames, greifbares, öffentliches Stück Wissen hergestellt zu haben. —
So, und jetzt noch die 12 Schritte der Anonymen Alkoholiker lesen:
“2. Schritt
Wir kamen zu dem Glauben, dass eine Macht, größer als wir selbst, uns unsere geistige Gesundheit wiedergeben kann.”
Das wäre dann ja wohl das Web. Die Cloud. Amen.
“Building Bildung With Software” – das ist abgeleitet vom Blogpost-Klassiker von Joel Spolsky: “Building Communities With Software” (2003). Der fragt sich dort: Wie baut man im Web einen “Ort”, an dem sich Leute gern treffen? So etwas wie die alten Cafes und Parteilokale in toskanischen Kleinstädten? Das, was es “in echt” in unserer suburbanen Welt längst nicht mehr gibt?
Und die entscheidende Einsicht ist: Es reicht eben nicht, gutwillige Leute zu haben. Der sympathische und naive Satz “Das Web 2.0 besteht aus Leuten” / “Web 2.0 is made of people” ist falsch. (Die Klassiker-Antwort, ebd., lautete ja: Ja, es besteht aus Leuten. So wie Soylent Green.) Auch ein erfolgreicher Techno-Club besteht ja nicht einfach aus Leuten: Er besteht aus sorgfältig designter Hardware und einem Bündel von schwer greifbaren, in die Location quasi eingebauten Spielregeln.
Das Web 2.0 besteht nicht aus Menschen. Es besteht aus vernetzten Aktionen mit digitalen Objekten. (Und ja, das schließt Kommunikationen ein: Ein Tweet, ein Blogpost, ein Video auf YouTube ist ein “soziales Objekt”.) Das Web spart Stellen aus, in die jeder Mensch sich einschalten kann. Und es ist dann großartig, wenn die Menschen dabei das Gefühl bekommen, durch Vernetzung mehr zurückzubekommen, als sie investieren.
Web 2.0-Gefühl stellt sich nur dann ein, wenn die Software, die man gerade benutzt, Communities erzeugt, und eben nicht bestehende Community-Strukturen wie fossilen Brennstoff verbraucht.
Herkömmliche Lern-Communities verbrauchen aber soziales Kapital, das in der Realwelt aufgebaut wurde. (Und oft auch nur erpresst, wie Schutzgeld.) Sie erzeugen eben keine neue Energie, keinen neuen Zusammenhalt. Genau das passiert in so gut wie allen LMS-”Communities”, in Universitäten oder sonstwo. Dagegen entsteht in den guten Web 2.0-Netzwerken etwas Neues, das vorher und “in echt” gar nicht möglich, ja gar nicht vorstellbar war: In Twitter-Netzwerken, im Scheibenwelt-Wiki, in Flickr-Fotogruppen, und vermutlich sogar — für die, die es mögen — in Xing (ich selbst bekomme immer einen Ausschlag, wenn ich dort sein muss).
Spolsky: “Schau dir ein paar Online Communities an und du wirst sofort spüren, dass eine völlig verschiedene Atmosphäre herrscht.” Er bezog sich (in einem damals brandneuen “Blog”) noch auf Beispiele aus den 1990ern: Usenet-Messageboards, IRC-Chats. Aber bis heute gilt das Spolsky-Axiom: “Kleine und kleinste Details der Software-Umsetzung haben große Folgen. Die Communities verhalten sich anders, entwickeln sich anders, fühlen sich anders an.”
Und das gilt eben nicht nur für die Software-Entwickung selbst, sondern auch für alle die, die ein funktionierendes Netzwerk mit den fertigen Bausteinen herstellen wollen, die es inzwischen gibt: Blogs, Wikis, Microblogging (Twitter), Photosharing, Social Bookmarks, Soziale Netzwerk-Profilseiten, … Immer sind es die kleinen und kleinsten Details, die zählen. Die Klicks. Die Aufmerksamkeits-Momente.
Wir alle sind immer noch sehr am Anfang, wenn es darum geht, das zu verstehen und richtig zu benutzen.
Oh, die berühmten Digital Natives. Ich bin ja, wie ich immer und immer wieder betone, Digital Immigrant. Fast schon Silver Surfer. Seit 1999, wegen dem iMac. Ganz kurz bevor Ende 2000 Google den deutschen Mainstream erwischte. (Und aus unerfindlichen Gründen drang es damals sofort zu mir durch, dem Newbie und DigitalDepp ohne Geek-Freunde, dass das von jetzt an *die* Suchmaschine war.) Die Digital Natives also. Kompliziertes BlogCarnival-Thema.

(1) Die Digital Natives gibt es nicht.
Es ist einfach nicht wahr, dass die junge(n) Generation(en) souveräner mit dem Web und mit digitalen Medien umgehen. Vermutlich gibt es so etwas wie eine Gaming Generation, aber das ist nicht dasselbe. Sehr viele der mir bekannten Leute, die besonders gut im Web unterwegs sind, sind in der Mehrzahl über 40, und ausnahmslose alle haben eine auffallend starke Text-und-Sprach-Kompetenz. Sie sind vermutlich gerade deshalb gut, WEIL sie an der Schnittstelle zweier Kulturen stehen. Kultureller Reichtum entsteht immer da, wo Kulturen aufeinanderprallen. Wo übersetzt werden muss.
(Übrigens gibt es eine signifikante Korrelation zur Gruppe der Leute, die durch die Schule der Popkultur gegangen sind. Auch die mir bekannten Professoren für Religionsgeschichte und Großstadtbürgermeister, die das Web können, sind durchwegs und immer noch Pop-Enthusiasten.)
Das Web besteht zuerst aus Worten, und es ist das Medium der Leute, die Spass an Worten haben. Die anderen benutzen es auch, aber sie sind nicht sicher darin. Ich schätze mal, dass maximal 20% aus jeder (!) beliebigen Bevölkerungsgruppe sich im Web wie ein Fisch im Wasser fühlen. (Auch bei den weniger Gebildeten, bei denen es sehr wohl Sprachkompetenz gibt.) Das ist dann “Digital Literacy” (kein deutsches Wort dafür).
Und dann gibt es noch so was wie “Digital Fluency”, das heißt, sich manuell und navigationstechnisch sicher fühlen. Einfach herumprobieren und schnell die richtigen Knöpfe finden, ohne verwirrt und überwältigt zu sein. Das gibt es bei denen, die viel Routine mit solchen Maschinen haben, also vermutlich mehr bei den Jüngeren. Ist aber eine Sache der Routine, nicht des Alters.
(2) Natürlich gibt es Digital Natives.
Es kann einem ja keiner erzählen, dass das nichts ausmacht, wenn an die Stelle der Bücher in spärlich ausgestatteten öffentlichen Bibliotheken und Wohnzimmerregalen auf einmal das Web tritt. Der Einfluss dringt durch alle Poren herein.
Meine Tochter ist gerade 12, fanatische Leserin und erklärte Technik-Skeptikerin, aber trotzdem bewegt sie sich, wenn sie will, im Web wie ein Fisch im Wasser. Ohne besondere Einweisung, ohne Freunde, die es ihr zeigen. Keine Ahnung, wie solche Fähigkeiten “in der Luft liegen” können, aber es sieht so aus. Sie konnte von Anfang an Pop-up Werbefenster intuitiv auf die einzige richtige Art zumachen. Als ich sie aber fragte, wie das bei den KlassenkameradInnen so ist, lachte sie und meinte, dass die zwar zu 99% auf der lokalen Chat-Plattform seien, aber insgesamt nicht besonders versiert im Web.
Das Web und die digitalen Medien machen etwas aus, kein Zweifel. Es ist ja wahr, dass das Web notwendig herkömmliche Autoritäten und festverdrahtete Strukturen zersetzt und mächtige Firmenportale zu Staub zerbröseln lässt, so so wie es auch alle Bücher und Dokumente shreddert, in Ausrisse von Paragraphenlänge. Und die Aufmerksamkeitsspannen in viele kleine Mikro-Spannen zerlegt. An die Stelle von angestrengter Konzentration treten (offener als früher) Kettenreaktionen. Das ändert etwas im Kopf.
(3) Also was jetzt? Zur Unternehmenspraxis.
Es sind mehrere Tendenzen, die sich hier begegnen. Erstens: Die in Beton gegossenen Makrostrukturen der Organisationen weichen von innen her auf. Die digitalen Ignoranten im Management sind sich selbst ihrer Sache nicht mehr sicher und strahlen das auch aus. (Das hat noch gar nichts mit “Digital Natives” zu tun, sondern v.a. mit der Flat World der globalisierten Info-Ökonomie.) Zweitens: Die digitalen Medien, und da wieder besonders das Web zusammen mit den Handys, verändern die alte Bürokultur, die knapp 30 Jahre im papierenen Fax-Zeitalter verharrte: Siemens Telefonanlagen, Rank Xerox Photokopierer, Microsoft Office Files, die permanent ausgedruckt wurden und dann gleich wieder zu vielen feinen Streifen zerschnitzelt. Die Digital Natives sind eher Objekte dieser Entwicklung, nicht Ursache und Treiber.
Und wie ist das jetzt, drittens, mit der “Net Generation”, der “zugeschrieben [wird], dass sie eher kooperativ arbeiten, offener eigene Erfahrungen kommunizieren und extensiv Technologien zur Vernetzung nutzen”? Hm. Jein. Sagen wir so: Es gibt ein Vakuum durch die Tatsache, dass die alte Art zu arbeiten, zu kommunizieren und sich zu verdrahten im Niedergang ist. Das alte Betriebssystem im Kopf ist nicht mehr installiert, und das neue Betriebssystem (”Web as a Platform”) ist noch nicht richtig im Laufen. So gesehen sind die Digital Natives vermutlich offener. Aber dass sie alle diese großartigen Werte konsequenter vertreten, alle nötigen Skills besser beherrschen: bis jetzt eher nicht. Manche können das ganz großartig, aber das ist der Prozentsatz der Hochbegabten, den es in jeder Generation gibt. Sehr viele sind im Gegenteil bislang eher “Digital Illiterates”, vermutlich weil es niemand gibt, bei dem man sich Praktiken abschauen kann.
Vielleicht, wahrscheinlich sogar, wird sich das in der Generation meiner Tochter ändern. Kulturtechniken entstehen durch gemeinsame Praxis von allen. Bis dahin gibt es aber noch viel Arbeit für uns Immigranten, die als digitale Tellerwäscher angefangen haben.
Wenn uns eine Kristallkugel zeigen könnte, welche Form im Jahr 2019 Lernen/Weiterbildung in den Unternehmen & Organisationen angenommen hat, was würden wir sehen?
Welchen Mix aus informellem Selbstlernen und Schulungen? Welche Rolle werden dabei “Klassenzimmer” spielen? Welche Rolle wird das Web spielen, diesseits und jenseits der Firewall? Und welche Rolle werden die beiden zentralen Formen von “e-Learning 1.0″ spielen: also zum einen CBTs/WBTs und zum anderen elektronische Klassenzimmer-mit-Online-Prüfung?
Das war die Big Question, die das LearningCircuit-Blog im März den nordamerikanischen eLearning-Professionals gestellt hat. [Link]
Der kanadische eLearning-Veteran Saul Carliner (danke an Jochen Robes für den Link) kritisiert jetzt die Mehrheit der Experten, die sagt, dass die Zeit herkömmlicher Schulungen vorbei ist und “informelles Lernen” und Weblernen an ihre Stelle tritt. (In Wahrheit sind deren Antworten deutlich komplexer, aber klammern wir das an dieser Stelle einmal aus).
Carliner sagt, es werde weiterhin ebenso viele herkömmliche Schulungen geben wie bisher, weil Lernen-durch-Bloggen als Grundansatz nicht funktioniere. Darüber dann im nächsten Blogpost hier. Hier erst einmal nur die Antwort auf die Frage des Learning Circuit Blog. Wie wird es 2019 sein?
Tatsächlich denke ich, dass zwei widersprüchliche Antworten richtig sind. Und sie entsprechen ungefähr einem Intranet-LMS-Szenario und einem Web 2.0-Szenario:
(1) Es wird alles so ähnlich bleiben wie es ist, weil sich eingefahrene Strukturen immer nur dann ändern, wenn alles zusammenbricht.
In stabilen Organisationen wird die Weiterbildung 2019 der von heute in etwa so gleichen wie die Weiterbildung von 2009 der von 1999 gleicht — trotz neuer Tools und deutlich mehr Webarbeit. Ähnliche Strukturen, ähnliche Schulungen, ein paar technische Änderungen. Dieses Szenario ist wahrscheinlich bei den (welchen?) Organisationen, die relativ immun bleiben gegen den radikalen äußeren Wandel: d.h. fürsich bestehende Bürokratien und große verwaltungsorientierte Organisationen, sofern sie einigermaßen freigestellt sind vom permanenten Kostendruck der neuen “flachen Welt”. (Es kann sein, dass Schulen und Universitäten als Verwaltungsapparate für “Lernen” hier noch dazugehören.) Wenn wir großes Glück haben, lernt man dort aus den vielen heutigen Fehlern und macht die Präsenz-Schulungen bis dahin immer besser (das geht, natürlich).
(2) Es wird alles ganz anders sein als jetzt, weil wir die meisten Unternehmen und Organisationen kaum mehr wiedererkennen werden.
Weil die große Idee des letzten Jahrhunderts am Ende ist: eben die “Organisation” wie wir sie kennen, d.h. gemeinsame Büroarbeit in riesigen Gebäuden, Abteilungen, Fluren und Büros mit festen langfristigen Arbeitsplätzen, aufwändigen Plänen, Stechuhren und täglichem Kantinenessen-Anschlag.
Lernen wird 2019 viel allgegenwärtiger und kurzatmiger sein als es jetzt schon ist, schlicht deshalb, weil Arbeit selbst für die meisten allgegenwärtiger und kurzatmiger (und digitaler) sein wird. Und zwar auch für die, die dann noch “feste Arbeit haben”, aber dabei dann immer mehr Funktionen zugleich tun und überblicken müssen. Und erst recht für alle anderen, die dann entweder selbständig etwas tun dürfen oder vogelfrei etwas tun müssen, wobei typischer Weise schwer zu unterscheiden sein wird, wo Lernen, Arbeiten und ‘Hobby’ (auch so ein altes Wort) jeweils anfängt oder endet.
Man sieht aus dieser Perspektive, dass “Web 2.0″ eben nicht einfach ein Synonym für eine bessere Welt ist. Es ist eher die positive Begleiterscheinung eines Umbruchs, der unser ganzes Leben sehr oft sehr schmerzhaft trifft. Das Lernen-aus-Blogs schwierig und oft verwirrend sein kann, ist demnach kein Problem des Web 2.0, sondern eines Umbruchs, in dem dauerhaftes, autoritäten-gesichertes Wissen immer knapper wird.
Das heißt umgekehrt aber auch, dass es sinnlos ist, wie Carliner und viele andere Routiniers die Haltung der “skeptischen Praktiker” gegen die sympathischen, aber leicht spinnerten “Web 2.0-Idealisten” einzunehmen. Der Umbruch der Arbeitsgesellschaft selbst ist ja so wenig zu verhindern wie das Schmelzen der Gletscher. Wir sind mitten drin. Wenn es uns nicht gelingt, mit den technischen Mitteln und Visionen des Web 2.0 wenigstens Teile davon ins Positive zu wenden, dann um so schlimmer für uns.
Es geht hier jedenfalls nicht mehr um eine Alternative, die man vorsichtig abwägen und geschmäcklerisch entscheiden kann. Was dann aus Instructor-led Classroom Training wird? Im nächsten Beitrag.
Seit dem Wochenende gibt es ein Wiki, das ein deutschsprachiges Gegenstück zur “Hacking Education”-Tagung entwickeln soll: http://wwweblern.pbwiki.com Eine selbstorganisierende Konferenz sozusagen, die Mitte Oktober stattfinden soll. Jede/r ist aufgerufen, Ideen und Namen beizusteuern. Die spontane Resonanz innerhalb von 12 Stunden war erstaunlich groß. Was ist der Hintergrund?
Vor einem Monat trafen sich in New York ca. 30 Leute zur Tagung “Hacking Education“. Eingeladen hatte der Start-up-Finanzinvestor (”venture capitalist”) und Blogger Fred Wilson. Gekommen waren Gründer von software-getriebenen Weblern-Firmen und ein paar kreative Weblern-Experten und Lerntheoretiker von den Universitäten. Eine geschlossene Diskussionsveranstaltung, acht Stunden lang. (Die Themen sind hier.)
Die Kernsätze wurden via Twitter sofort ins Web gestellt, in Echtzeit, versehen mit dem Kennwort #hackedu (hier kann man alle nachlesen), und sie hatten dort sofort eine enorme Resonanz. Als ob alle darauf gewartet hätten, dass man sich von den gewohnten Bildungs-Diskursen endlich einmal löst und sich unvoreingenommen und radikal fragt, was das bedeutet: “Bildung im Zeitalter des Web”. Seitdem kursieren im Web eine ganze Reihe von Thesen und Kernsätzen, alle nicht länger als 140 Zeichen … Das Transkript der Diskussionen soll bald veröffentlicht werden.
Wieso “Hacking”? Kann das auch etwas Positives sein?
Wenn “Hacken” so gebraucht wird, wie das OpenSource-Programmierer und MIT-Studenten seit langem tun, bedeutet es: Kreative, unkonventionelle, technisch versierte und lose vernetzte “Einzelkämpfer” funktionieren spielerisch ein vorhandenes kompliziertes und geschlossenes System für eigene Zwecke um. Das System wird geöffnet. Seine Kraftquellen werden angezapft, die Möglichkeiten anders genutzt als vorgeschrieben.
Dabei setzen “Hacker” möglichst einfache Mittel so geschickt ein, dass sie maximale Wirkung erzeugen. In diesem Sinn hat etwa Tim Berners-Lee mit der Erfindung des World Wide Web, eigentlich ein Bündel relativ simpler Protokolle und Technologien, das große Internet “gehackt”. In diesem Sinn ist Linus Torvalds, der Inspirator von Linux, ein “Hacker”. Ward Cunningham, Erfinder des Wiki, ist ebenso Hacker, wie Dave Winer, der Blog- und Feed-Pionier. Und natürlich Biz Stone und Evan Wlliams, die zuerst 1999 “Blogger” und dann 2006 “Twitter” eher bastelten als im herkömmlichen Sinn der großtechnischen IT “entwickelten”.
Im Mittelpunkt des “Hacker Ethos” [hier ist ein Zitat] steht – ein bisschen verschwommen, aber doch gut erkennbar – der freie, selbstbestimmte, kreative, spielerische und unternehmungslustige Einzelmensch. Eher nicht Kapitalisten, deren Lebensinhalt Geld ist, sondern Leute, die ihr Hobby wie einen Beruf betreiben. Oder umgekehrt. Die “Web 2.0 Venture Capitalists” wie Fred Wilson oder Paul Graham sind dann Leute, die ihr kapitalistisches Know-how einsetzen, um solche Start-ups zu fördern. (Das wird ohnehin das Resultat der KRISE sein: Viel mehr kleine, vogelfreie, knapp bezahlte Aktivitäten, aber die dafür mit Überzeugung und stark vernetzt [#].)
Das ganze “Web 2.0″ wird von diesem Hacker-Geist getragen und getrieben. Begriff und dahinterstehende Haltung lassen sich leicht auch auf Inhalte übertragen: Blogger und Microblogger “hacken die Medien”, d.h. sie funktionieren das Mediensystem um.
Was also heißt dann “Hacking Education”, die Bildung hacken? Es bedeutet eine radikal andere sPerspektive, die/den einzelne/n LernerIn radikal in den Mittelpunkt stellt. Nicht den Nutzen, den sich das System vom Lernen/Lehren verspricht, nicht die Perspektive der Lehrenden, sondern “die Nutzer” selbst. Genau so wie im Web immer schon die/der Einzelne im Zentrum steht: Die leere Google-Seite als Schnittstelle zum Weltwissen. Man kann es nicht oft genug wiederholen: Eine unfassbare Revolution.
Die Bildung hacken: Tafel 2.0 und Web 2.0
(1) Das alte Bildungssystem “hacken”, das heißt seine eigenen Mittel besser zu kennen und zu beherrschen als das System selbst und es dann umzufunktionieren. Wie ein Hip-Hop-DJ den Plattenspieler umfunktioniert. Genau das passiert, wenn Lehrer eine Methode entwickeln (”Lernen durch Lehren”, LdL), die Schüler nacheinander an die Tafel stellt und dann die ganze Stunde lang das Klassengespräch moderieren lässt. Die Lerntechnologie selbst ist hier alt: Klassenzimmer, Stuhlreihen, Tafel und Kreide. Aber diese Technologie wird “gehackt”: “Tafel 2.0″ sozusagen. Es ist daher völlig folgerichtig, dass diese Tafel-und-Kreide-Hacker sich jetzt gerade im Web (YouTube-Video) als ein sehr lebendiges und offenes Netzwerk organisiert haben. Obwohl sie im Unterricht erst einmal gar kein Web einsetzen. (Der Informatiker/Mathematiker Christian Spannagel, der im Video erzählt, ist eine treibende Kraft.)
(2) Und man kann die neuen Technologien, d.h. das bereits gehackte Web gezielt einsetzen, um das Bildungssystem umzufunktionieren. Wenn Universitätslehrer die offizielle Universitäts-IT umgehen und sich selbst Wikis einrichten (z.B. hier von Herbert Hrachovec) oder mit den Studenten auf öffentliche Blog-Plattformen ausweichen (wie Heinz Wittenbrink in Graz [#]). Und es geschieht auch dann, wenn das berufliche Weiterbildungssystem über das Web kurzgeschlossen wird. Die Programmierer machen das ja schon immer. Aber inzwischen man kann sich im Web eigentlich schon sehr viel besser das Wissen für einen MBA (Master of Business Adminstration) aneignen als in den teuren MBA-Studiengängen, die überall angeboten werden wie saures Bier. Das Problem ist dann natürlich das Zertifikat. Die Manager brauchen das, noch. In unserer Wirtschaft regiert immer noch die Streber-Mentalität. (Übrigens auch bei Google, wie gerade jetzt heiß diskutiert wird.) Ein guter Web-Programmierer braucht das nicht, er zeigt seine Projekte vor. Dagegen gibt es noch keine eingeführte Form, anderen zu zeigen, dass man ein “Web-MBA” *ist*, d.h. nicht nur “gemacht hat”.
Vor vielen Jahrzehnten war die Schule das Web
Der Campus, der Schulhof, die Bibliothek, auch das bürgerliche Bücherregal der privilegierten Schüler: Das ist heute alles das Web. Ob es einem passt oder nicht. Und damit ändert sich auch dann alles, wenn man am bestehenden Bildungssystem gar nichts ändert. Die alte Hardware/Software für Lernen waren Gebäude, Flure, Räume mit eingebauter Blickrichtung, Stundenpläne, eine künstlich zugespitzte Aufspaltung in Experten und Nichtswisser. Und lange Zeit war dieses System bei allen offensichtlichen Mängeln (und Schüler und Studenten aller Generationen kannten die sehr gut) eine effektive Maschine. Es gab keine andere. Die einzig mögliche Technologie um Wissen zu formalisieren, zu verteilen und weiterzuentwickeln.
Für meinen Großvater, achter Sohn eines Oberpfälzer Bauern, war die Höhere Schule selbst so etwas wie das heute das Web: Zugang zum Weltwissen. Ein (wenn auch sehr unvollkommenes) Trainingscenter für Schreiben, Rechnen, Reden. Und ein Ort der Freiheit: Nicht arbeiten müssen bis man todmüde ins Bett fällt. (Die Netz-Infrastruktur dafür waren damals Elektrizität, die Telegraphie und das Eisenbahn-Netz.) Dafür wurden dann auch autoritäre, prügelnde Pauker in Kauf genommen.
Die damals brandneuen Reclam-Heftchen waren Google, die Studentenverbindung war das soziale Netzwerk. Für mein jugendliches Selbst war dann sehr viel später die Post-68er-Universität so etwas wie heute das Web: sehr freies Studieren, Suhrkamp-Taschenbücher, “Wohngemeinschaften” und “Studentenkneipen” für vernetztes “Diskutieren”, eine Bibliothek, in der man Bücher nach 15 Minuten bekam. In mancher Hinsicht ein Luxus: Es gab Zeit, es gab Geld, das Wissenssystem war geöffnet worden, aber die bürgerliche Bildung lieferte noch fossilen Brennstoff. Wenn man Glück hatte, konnte die Uni damals großartig sein. (Oft passierte aber auch gar nichts.) Es gab noch keine MultipleChoice-Prüfungen, die das geistige Vakuum ersetzen müssen. Eine vergangene Epoche.
Die Bildung hacken
Heute kann ich ganz gut Englisch, aber nur weil ich es nach ein paar Jahren im Web viel besser gelernt habe als in 9 Schuljahren. Lustigerweise auch viel besser reden, obwohl ich im Web nur lese und schreibe. Meine Wissensquellen sind fast nur englisch, auch die Bücher. Heute würde ich gern Mathematik können, weil ich gerne Programmieren können würde, aber ich habe in der Schule sehr wenig gelernt. Heute muss ich in gewisser Hinsicht auch ganz neu schreiben und lesen lernen, weil ich alles nur noch über den Bildschirm mache. (Worauf mich die Pop-Kultur der 1980er übrigens sehr viel besser vorbereitet hat als das Bildungssystem.)
Die Zeit der Schulen, Universitäten und Weiterbildungs-Institutionen wie wir sie kennen, ist vorbei. Nur die werden künftig Erfolg haben, die sich als Katalysator für Weblernen & Selbstlernen verstehen. Daneben bildet sich eine digitale Schattenwirtschaft heraus. Ein OpenSource-Bypass für das versteinerte Herz des Bildungssystems.
Das ist die Lage. Das ist die logische Entwicklung. Und das ist der konkrete Ausgangspunkt, um das einmal auch in Deutschland zu diskutieren, öffentlich im Web: Hacking Education. Die Bildung hacken. Auseinandernehmen, neu zusammensetzen, und mit kleinen Eingriffen umprogrammieren.
Das Projekt haben Basti Hirsch und ich am letzten Wochenende uns ausgedacht und angestoßen. Am Samstag waren wir noch zu zweit, am Sonntag haben wir das fast leere Wiki öffentlich gemacht, jetzt ist es schon eine kleine Community. Die spontane Resonanz war verblüffend. Es wird also irgendeine Veranstaltung geben, Mitte Oktober. Zugleich im Web und im Körper-und-Stimmen-Raum. Ich bin selbst gespannt, was das wird. Bleiben Sie dran.
Wann ist es in den Zeiten des Web 2.0 keine Geld-und Zeitverschwendung, ein CBT/WBT zu bauen? Als der Blog-Carnival kürzlich nach persönlichen e-Learning-Erfahrungen fragte (hier lesen!), habe ich spontan, aber tief empfunden geschrieben, dass “klassisches CBT-eLearning (vorgefertigte Klicktunnels und MultipleChoice-Tests)” tot ist.
Ich habe in einem Kurs selbst gelernt, wie man so etwas erstellt, als zertifizierter “e-Learning Autor”, damals im Bubble-Jahr. Fast alle eLearning-Firmen, die ich auf der Learntec 2001 gesehen habe, sind inzwischen pleite. Ihr Angebot? Klicktunnels und LMS-Systeme. Wie sich so etwas dann aus der Sicht eines qualifizierten Mitar-beiters anfühlt, der Datenschutzregeln lernen muss, hat Horst-Dieter Bruhn (Kienbaum-Consultant) sehr lustig hier beschrieben.
Zu meiner allzu salonrevolutionären Bemerkung hat es sehr lesenswerte Kommentare aus den Schützengräben des eLearning gegeben (lesen!). Die Preisfrage ist ja tatsächlich: Unter welchen Voraussetzungen könnten CBTs/WBTs einen Sinn haben? Wie ist das bei Lernszenarien wie: “Steuerungsmöglichkeiten in einer Behörde durch Einführung der doppelten Buchführung” (#) und “6.500 Mitarbeiter müssen weltweit Anfang September die neuen Geldwäscherichtlinien kennenlernen, deren Prozesse bis Ende August beraten und implementiert wurden” (#)?
Hier sind die Multiple Choice-Antworten dazu, die ich künftigen eLearning-Autoren-Kursen gern zur Verfügung stelle. Welche Punkte müssen erfüllt sein?
1. Der “Wissensstoff” liegt selbst in programmierter Form, d.h. als Flowchart, vor und ist möglichst selbst auf Bildschirmen zuhause.
2. Der “Wissensstoff” lässt sich in 10 Grundbegriffen und 10 einfachen Schritten ausdrücken. (Wenn es 15 sind, muss man schon zwei getrennte CBTs bauen.)
3. Die Nutzer fühlen sich tatsächlich selbst überfordert und sehnen sich und nach einem Gefühl von Orientierung und Kontrolle. Idealer Weise dient das sehr kurze CBT der Vorbereitung einer folgenden, intensiven Lernphase, in der man selbst etwas tut (Workshop und/oder kollaboratives Weblernen).
4. Man hat viel Geld und viel Zeit für die Entwicklung. Und sehr gute Interaktions-Designer und Informations-Architekten (das hieß früher “Didaktiker”), den Rat von erfahrenen Praktikern und einen sehr klaren Plan. Und gute Grafiker. Und Texter, die sehr gut und sehr knapp schreiben können. (Am ehesten habe ich gutes klassisches eLearning-Authoring bisher bei der britischen Firma Kineo gesehen. Dort auch viele freie Materialien: Weblernen zu eLearning-Authoring.)
5. Der “Wissenstoff” soll, muss und kann sehr vielen Leuten in standardisierter Form vermittelt werden soll – entweder weil es sehr viele Lerner gleichzeitig gibt oder/und weil der Wissensstoff sich tatsächlich über mindestens 3 Jahre nicht verändert.
6. Das Klicktunnel-CBT ist genau dazu da, die Antworten für eine Klicktunnel-Prüfung auswendig zu lernen. Form=Inhalt. Für die armen Lerner-Hunde, die ein Zertifikat erwerben wollen und dafür mit Geld und Lebenszeit bezahlen. Das tun sie, solange irgendjemand solche Zertifikate nachfragt, von denen jeder eigentlich weiß, dass sie inhaltlich völlig wertlos sind. (Zum Beispiel: Die Prüfung zum Projektmanager.)
Und hier gehts zur Auflösung unserer Preisfrage, mit ein paar Gedanken, Beispielen und Links: >> mehr.